Hexen im Anflug

Kleine Vorstellungsreihe: Objekte der Schloß Wernigerode GmbH, die auf www.museum-digital.de zu finden sind

Perspektivische Vorstellung des Blocken oder Blockenbergs mit derjenigen Gegend, so weit solche von demjenigen der auf der Spitze des Berges steht gesehen werden kann
Kupferstich, koloriert
gezeichnet 1732 von L. S. Bestekorn
verlegt bei Hohmann Erben, Nürnberg, 1749
Maße 48,9 x 57,8 cm
Inventar-Nr.: Gr 000034

Der Brocken stellt mit einer Höhe von 1141 Metern nicht nur die höchste Erhebung im Harz, sondern im ganzen norddeutschen Gebiet dar. Darüber hinaus gilt er seit dem Mittelalter als sagenhafter Versammlungsort böser Geister, die sich dort jeweils in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai zu einem „Hexensabbat“ zusammenfinden. Literarische Beschreibungen davon finden sich bereits im 15. Jahrhundert, aber die wohl bekannteste Darstellung der „Walpurgisnacht“, wie das Ereignis nach dem Gedenktag der Heiligen Walburga genannt wird, enthält die  Tragödie „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe, der den Brocken selbst erstmals 1777 bestieg.

In den Sammlungen von Schloß Wernigerode befindet sich ein bemerkenswerter kolorierter Kupferstich von 1749, der auf eine 1732 entstandene Zeichnung zurückgeht und damit zu den frühesten künstlerischen Ansichten des Brockens gehört. Auf geradezu naiv-absonderliche Weise wird hier über einer Vielzahl gleichförmiger Erhebungen dessen überragende Bergkuppe gezeigt. Innerhalb dieser unwirklichen Topografie sind zudem zahlreiche markante Orte eingezeichnet, darunter auch „das Schloß zu Wernigerode“ als Hauptsitz der gleichnamigen Grafschaft, zu deren Gebiet  der Brocken damals gehörte.

Dieser wird im französischen Titel des Blatts ganz oben als „Broken“ bezeichnet, in der darunter von einer Eule und geflügelten Fabelwesen getragenen Kartusche aber „Blocken“ bzw. „Blockenberg“ genannt, ähnlich der bis heute im Zusammenhang mit Hexensagen geläufigen Bezeichnung „Blocksberg“. Darauf nehmen auch die kleinen, im Bereich zwischen Erde und Himmel eingezeichneten Hexen und Dämonen Bezug, die sich fliegend dem gleichfalls markierten „fabulosen Hexen Platz“ nähern. In seiner merkwürdigen Verbindung einer topografisch unwirklichen Ansicht des Harzes mit dem alles überragenden Brocken und dessen Rolle als sagenumwobenem Schauplatz der Walpurgisnacht stellt dieses Blatt ein rätselhaftes Kuriosum dar, zumal darauf offenbar von unbekannter Hand noch weitere Hexen hinzugefügt wurden.

Autor: Ulrich Feldhahn, Berlin