Die Idee der Sonderausstellung

Was haben das historische Hotel Adlon in Berlin und das Schloß Wernigerode vor 100 Jahren gemeinsam? Sie wurden von einem der besten Innenarchitekten der damaligen Zeit, Wilhelm Kimbel (1868-1965), ausgestattet bzw. modernisiert. Mit diesem Blog laden wir Sie ein, uns bei den Vorbereitungen bis hin zur Eröffnung unserer Sonderausstellung „Art Déco. Eine Kunst des Historismus?“ im nächsten Jahr zu begleiten und an Entdeckungen auf dem Weg zu fertigen Ausstellung teilzuhaben. Im heutigen Beitrag stellen wir die Hintergründe und die Konzeption der Schau vor.

Stilrichtung und Hintergründe
Das Jahr 1919 markiert mit der Gründung des „Bauhauses“ durch Walter Gropius in Weimar einen radikalen Bruch und zugleich den Neubeginn in der Gestaltung nahezu aller Lebensbereiche. Das Land Sachsen-Anhalt hat zu diesem Jubiläum das Programm „Wege in die Moderne“ aufgelegt, mit dem alle Versuche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gebündelt werden sollen, die den Weg in die als verheißungsvoll empfundene Zukunft zusammen in den Fokus rücken.

Neben dem streng funktionalistischen Bauhaus war das „Art Déco“ eine weitere avantgardistische Stilrichtung nach den als traumatisierend empfundenen Kriegserfahrungen. Diese zeichnet sich jedoch durch ausgesprochen dekorative Elemente unter gleichzeitiger Verwendung hochwertiger und mitunter gänzlich neuer Materialien aus. Unter „Art Déco“ subsumiert sich eine Vielzahl unterschiedlicher künstlerischer Haltungen und Ausdrucksformen, während sich der Begriff selbst von der 1925 in Paris gezeigten Ausstellung „Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes“ ableitet und sich erst in den 1960er Jahren als Stilbezeichnung etablierte.

Schloß Wernigerode und die Moderne
Das heutige Erscheinungsbild des Schlosses Wernigerode wird durch den großen historistischen Umbau bestimmt, der unter der Leitung des Architekten Carl Frühling 1863 bis 1885 durchgeführt wurde. Weitgehend unbekannt ist indessen die Tatsache, dass in den Jahren 1919/20 nochmals eine Umgestaltung bzw. Neueinrichtung verschiedener Repräsentations- und Wohnräume erfolgte. Ausgeführt wurden diese Arbeiten durch die damals renommierte Firma Kimbel & Friedrichsen in Berlin. Wilhelm Kimbel galt als einer der versiertesten Inneneinrichter seiner Zeit, der u.a. an Ausstattungen im Berliner Schloss sowie im Hotel Adlon beteiligt war. Im Lauf seiner Schaffenszeit vollzog er den Wandel von historistischen Anfängen über einen allmählich freieren Umgang mit Stilzitaten bis hin zur Moderne. Im Jahr 2019 jährt sich der Beginn seiner Tätigkeit auf Schloss Wernigerode zum 100. Mal, was Anlass für eine Ausstellung ist, in der die provokante These aufgestellt und hinterfragt werden soll, dass „Art Déco“ letztlich eine späte Form des Historismus verkörpert.

Die Ausstellung
In den 400 Quadratmeter umfassenden Sonderausstellungsräumen auf Schloß Wernigerode werden exemplarisch Objekte des Art Déco aus nahezu allen Kunstgattungen (Gemälde, Grafik, Skulptur, Möbel, Porzellan, Glas, Metall, Textil, Bücher und Illustrationen) präsentiert. Darüber hinaus können im originalen Ambiente der von Kimbel geschaffenen Raumgestaltungen weitere Exponate in den regulären Rundgang durch das Schloss integriert werden. Darunter befinden sich Teile einer Salonausstattung sowie weitere Artefakte, die auch die Künstlerpersönlichkeit Wilhelm Kimbels näher beleuchten. Zugleich sollen auch Aspekte des damaligen Lebensgefühls in Verbindung mit der Mode der Zeit sowie der damals expandierenden Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie beleuchtet werden.
Die etwa 300 Exponate entstammen neben eigenen Beständen der Schloß Wernigerode GmbH u. a. der Stiftung Stadtmuseum Berlin, den Staatlichen Museen Berlin Preußischer Kulturbesitz, den Kunstsammlungen und Museen Augsburg sowie in breitem Maße Privatsammlungen in Berlin, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Viele der Leihgaben werden hier erstmals öffentlich ausgestellt.

Ausblick: Im nächsten Blogeintrag berichtet das Kuratorenteam von einem höchst spannenden Einblick in eine nicht öffentlich zugängliche Privatvilla in Berlin. Diese wurde einst in großem Umfang von Kimbel ausgestattet und wurde bis heute höchst behutsam der sich ändernden Zeit angepasst.

Autor: Dr. Christian Juranek

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Kommentare

31.10.2018 | Christoph Wetzel

Ich freue mich sehr auf diese außergewöhnliche Ausstellung!