Art Deco. Eine Kunst des Historismus?

Sonderausstellung im Schloß Wernigerode vom 29. Juni bis 03. November 2019

1919 wurde an der von Henry van de Velde erbauten Großherzoglichen Kunsthochschule in Weimar u. a. von Walter Gropius das „Bauhaus“ gegründet. Mit ihr vollzog sich ein radikaler Bruch mit der bisherigen Gestaltung fast aller Lebensbereiche. Zugleich manifestierte sich mit der Gründung ein Aufbruch in die Zukunft, der nur mit der cartesianischen Wende in der Philosophie verglichen werden kann.

Das Land Sachsen-Anhalt hat zum 100jährigen Bauhaus-Jubiläum das Programm „Wege in die Moderne“ aufgelegt, in dem alle künstlerischen Versuche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aufgezeigt werden, wie sie den Weg in die als verheißungsvoll empfundene Zukunft gestaltet haben.

Die Ausstellung zum Art Déco auf Schloß Wernigerode wird hierzu einen wichtigen Beitrag bilden.

Grüne Henrichskammer im Schloß Wernigerode. Photo: Henrik Bollmann

Nach dem streng funktionalistischen Bauhaus war das Art Déco eine weitere avantgardistische Stilrichtung nach den als traumatisierend empfundenen Erfahrungen des großen Weltkrieges, die sich jedoch eher durch dekorative Elemente unter gleichzeitiger Verwendung hochwertiger und mitunter gänzlich neuer Materialien auszeichnete.Unter der Stilrichtung summieren sich aber noch eine Vielzahl verschieden ausgerichteter künstlerischer Haltungen und Ausdrucksformen. Dies wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass der Begriff „Art Déco“ sich von der großen Ausstellung Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes in Paris des Jahres 1925 erst seit den 1960er Jahren als Stilbezeichnung der 1920er und teilweise der 1930er Jahre etabliert hat.

Besonders wichtig für die Stilbezeichnung „Art déco“ bleibt die Tatsache, dass es sich dabei um die Kurzform von „art décoratif“ handelt, die als „angewandte Kunst“ übersetzt werden kann. Genau dies soll auch in der geplanten Ausstellung thematisiert werden: Das Art Déco als ein Zusammenschau der verschiedenen angewandten Künste, die auf die Ausstattung des gesamten Raumes bzw. des dazugehörigen Ensembles hin abzielten. Es gilt dabei die vollständige Spannbreite der künstlerischen Produktion, von der Wandgestaltung über das Möbel, das Kunstgewerbe, die Graphik bis hin zur Buch- und Zeitschriftengestaltung im Blick zu haben.

Schloß Wernigerode und die Moderne

Das heutige Erscheinungsbild des Schlosses Wernigerode wird von innen und außen durch den großen historistischen Umbau durch den Schloßbaurat Carl Frühling bestimmt, der von 1863 bis 1885 durchgeführt wurde.

Dennoch – und diese Tatsache ist weitgehend unbekannt bzw. wird häufig kaum vermutet – wurde in den Jahren 1919/1920 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs noch einmal im Inneren des Schlosses eine weitgehende Umgestaltung durchgeführt. Diese Umgestaltung betraf das gesamte Raumensemble der so genannten „Henrichskammern“, der Raumfolge im Anschluss an den Festsaal (Vorraum Festsaal, Grüne Henrichskammer, Rote Henrichskammer und Porzellanzimmer) genauso wie Teile des Erdgeschosses, darunter das Arbeitszimmer des Grafen Otto und den vollständigen Neueinbau der danach so genannten „Neuen Bibliothek“.

Auftragnehmer des Umbaus war das Büro der Firma „Kimbel & Friedrichsen“ in Berlin, das in der Zeit vor und nach dem Weltkrieg von großem Einfluss gewesen ist, dessen Bekanntheit aber vor allem durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs stark gelitten hat.
Wilhelm Kimbel galt als einer der versiertesten Inneneinrichter der Epoche, der sich von anfangs historistischen Anfängen hin zu einem Gestalter der Moderne entwickelt hat. Er war gleichermaßen an der Innenausstattung des Hotels Adlon, wie auch zahlreichen Umgestaltungen im Berliner Stadtschloss beteiligt.
In der wissenschaftlichen Literatur ist bislang gänzlich unbekannt, wie Kimbel die Innengestaltung im Schloß Wernigeorde ausgeführt hat. Es handelt sich dabei um eines seiner Hauptwerke, zudem wohl um das best erhaltene.

Im Jahr 2019 jährt sich der Beginn dieser erneuten Umbauarbeiten, parallel zum Bauhausgründungsjubiläum, zum 100. Mal.

Die Ausstellung

Kern der Präsentation sind die Sonderausstellungsräume im Frühlingsbau auf Schloß Wernigerode. Dort werden exemplarisch Gegenstände des Art Déco präsentiert, wobei vor allem auf die Darstellung der einzelnen Objektgattungen Wert gelegt wird (Möbel, Gemälde, Graphik, Kunstgewerbe: Porzellan, Glas, angewandte Kunst, Bücher und Illustration).

Über die Sonderausstellungsräume hinaus soll in „Wilhelm-Kimbel-Originalräumen“ – ganz ähnlich wie es im Jahr 2014 in der Ausstellung „Pomp and Circumstance“ geschehen ist – eben der spezifisch für das Schloß Wernigerode tätige und in Berlin hoch bedeutsame Künstler Wilhelm Kimbel thematisiert werden. Das bedeutet, dass Ausstellungsgegenstände von Kimbel und über ihn hier in ein- bis zwei Räume im normalen Rundgang temporär eingebettet werden sollen. Gezeigt werden können hier z. B. Teile eines erhaltenen Salons Kimbels, der bis 1990 in der Dauerausstellung des ehemaligen Berlin-Museums stand, und der seither magaziniert ist. Aber auch in dieser inzwischen historischen Dauerausstellung wurde die Künstlerpersönlichkeit Kimbel nicht eigens thematisiert.

Es ist mit ca. 300 Objekten in der Ausstellung zu rechnen. Dabei wird neben eigenen Beständen der Schloß Wernigerode GmbH auf Leihgaben u. a. der Stiftung Stadtmuseum Berlin, der Museen Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie der Kunstsammlungen und Museen Augsburg in breitem Maße auf Privatsammlungen aus Berlin, Dresden, Trier, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zurückgegriffen.

Viele Objekte werden dabei zum ersten Mal öffentlich ausgestellt.

Zur Ausstellung ist ein Begleitband in der „Edition Schloß Wernigerode“ als Band 22 mit ca. 350 Seiten geplant, der integraler Bestandteil der Ausstellung ist. Eventuell soll noch ein wissenschaftliches Symposion zu demselben Thema abgehalten werden.

Die Fragestellung der Ausstellung

Das Art Déco gilt zu recht als Ausdrucksform der Moderne. Allerdings beginnt die Spezifik dieses Kunststils bereits in den Jahren vor 1914. Sichtbar wird dies z. B. in der höchst aufwendig gestalteten Zeitschrift „Gazette du Bon Ton“, deren erstes Heft 1912 erschien und dessen Fortsetzung ab 1920 erfolgte (und aus der ausgewählte Graphik in der Ausstellung präsentiert werden soll).

Die starke graphische Orientierung und die Betonung einer spezifischen Farbigkeit sind Kriterien, die das Art Déco vom Jugendstil abgrenzen; die kunsthandwerkliche Fertigung und der oftmals spezifische künstlerische Charakter sind eine Differenz zur Reform der Industrieproduktion durch das „Bauhaus“.Von Anfang an bediente sich das Art Déco aber in starkem Maße historischer Vorbilder, besonders aus dem 18. Jahrhundert. Damit weist sich das Art Déco als eine Spezialform des Historismus aus. Diese Tendenz ist in der kunstwissenschaftlichen Diskussion bereits prominent vertreten worden [Catharina Berents: Art Déco in Deutschland. Das moderne Ornament (= Werkbund-Archiv, Bd. 27). Frankfurt am Main 1997], aber noch nie in einer Ausstellung thematisiert worden. Insofern kann das Schloß Wernigerode beanspruchen, weltweit erstmalig dieses in der wissenschaftlichen Diskussion immer wieder behandelte Thema in Form einer Ausstellung erfahrbar zu machen.

Die ausgewählten Ausstellungsgegenstände und die dazugehörigen Erläuterungen werden diese Wissenschaftshypothese erstmals sinnlich erlebbar machen.


Konzept

Dr. Christian Juranek