Lachen und Weinen

Kleine Vorstellungsreihe: Objekte der Schloß Wernigerode GmbH, die auf www.museum-digital.de zu finden sind

Figurengruppe „Faun mit zwei Nymphen“ („Die Sünde“)
nach einem Entwurf von Walter Schott (1861-1938)
Porzellan, weiß, glasiert, polychrome Unterglasur

Philipp Rosenthal & Co. AG, Selb 1913 oder später
Höhe 24,5 cm; Breite 22,5 cm; Tiefe: 14,00 cm
Inventar-Nr.: Kg 000903

Im Berliner Kunsthandel tauchte im vergangenen Jahr eine bemerkenswerte Porzellangruppe auf, die nach einem Entwurf des Bildhauers Walter Schott gefertigt wurde. Sie zeigt einen beleibten Faun mit Bocksbeinen und weinumkränztem Haupt, neben dem zwei als Nymphen bezeichnete Frauengestalten sitzen, die sich höchst unterschiedlich verhalten. Die kleine Plastik konnte für die Sammlungen von Schloß Wernigerode erworben werden und wird künftig im Salon der Fürstin Anna präsentiert.

Schott war der Sohn des Eisenhütteninspektors in Ilsenburg und erhielt seine Ausbildung in Hannover und Berlin, wo er sich unter Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) zu einem der renommiertesten und meist beschäftigten Bildhauer seiner Zeit entwickelte. Neben zahlreichen Porträts, darunter eine Büste des Monarchen, die dieser vielfach verschenkte und von der sich eine als 3-D-Druck vom Original abgeformte Fassung in Schloß Wernigerode befindet, führte Schott auch Großaufträge aus, zu denen etwa eine vielteilige Skulpturengruppe vor dem Neuen Palais in Potsdam oder die monumentale Statue Albrechts des Bären für die Berliner Siegesallee gehörten.

Zu seinen Förderern und Auftraggebern gehörte auch Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode, dessen mit dem Umbau seines Schlosses betrauter Architekt Carl Frühling zudem mit Schott verschwägert war. Die 1901 geschaffene erste Version der Figurengruppe des Fauns mit Nymphen gilt als verschollen, 1912 wurde eine zweite überlebensgroße Fassung aus Sandstein im Park von Schloss Marquardt bei Potsdam aufgestellt. Im Jahr darauf nahm die Porzellanfabrik Rosenthal im oberfränkischen Selb die Gruppe als Kleinplastik in ihr Programm. Sie wurde auch gelegentlich mit dem Titel „Die Sünde“ versehen, wodurch man sie als eine sinnbildliche Darstellung von Tugend und Laster deuten könnte. Während die linke Frauenfigur in gebeugter Haltung mit den Händen vor dem Gesicht Trauer und Scham ausdrückt, machen sich der sie an der Hüfte umgreifende Faun und die rechts von ihm sitzende Nymphe offenbar mit ungezügeltem Gelächter über sie lustig.

In der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts war das Mischwesen des Fauns oder Satyrs ein vielfach verwendetes Motiv. Der antike Waldgott verkörperte Naturverbundenheit, aber auch Triebhaftigkeit. Die Neuerwerbung in den Sammlungen von Schloß Wernigerode vermittelt gleichfalls eine ausgelassen-ironische Sinnlichkeit, wie man sie mit der vermeintlich prüden Kaiserzeit gar nicht auf Anhieb verbinden würde. Zugleich stellt sie eine reizvolle Ergänzung der anderen im Salon der Fürstin ausgestellten Kunstwerke Schotts dar, zu denen auch zwei Varianten seiner erfolgreichsten Plastik, der Darstellung einer jugendlichen „Kugelspielerin“ gehören. 

Autor: Ulrich Feldhahn