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Albert Schöpwinkel – ein Wernigeröder Maler

Von Olaf Beer                                       

Ein  Artikel  in  der  damaligen  LDZ  erregte  1990  nicht  nur  meine  Aufmerksamkeit,  sondern  auch  meinen Unwillen. Unter der Schlagzeile: Neues über einen Wernigeröder Maler -Sonderausstellung im Schloß
Bilder von Albert Schöpwinkel.
Damals nahm ich mir vor, bei Gelegenheit über unseren Urgroßvater zu schreiben, denn ich habe ziemlich umfangreiche  Materialien  aus  der  Familiengeschichte.  Nun  bin  ich  im  vorzeitigen  Ruhestand  und  kann
mich der Aufgabe widmen.
In dem Buch: Der Harz -gesehen von Malern (1850 -1950) von Siegfried und Ursula Gerecke, Göttingen 2.
Auflage  1992  fand  ich  den  Hinweis  auf  die  verdienstvolle  Arbeit  von  Doris  Derdey auf Seite 247. Nach dem Besuch der Harzbibliothek stellte ich fest, daß der Artikel der LDZ im Wesentlichen die Wiedergabe
der Derdeyschen Erkundung war.  (Unser Harz 5 1990, Seite 98).
Nun,  da  sich  der  170.  Geburtstag  und  der  90.  Todestag  von  Albert  Schöpwinkel  nähert,  will  ich  einige Berichtigungen  und  etwas  ausführlichere  Nachrichten  über  den  Wernigeröder  Maler  zusammenstellen. Dabei wird oftmals die altertümliche Schreibweise beibehalten, ohne das besonders zu kennzeichnen.

Arnold Anton Albert Schöpwinkel wurde am 26. August 1830 in Werden an der Ruhr im Privathaus des Königlichen Werkmeisters der Strafanstalt geboren.
Er erzählt selbst (sein ältester Sohn Johannes - unser Großvater - zitiert aus seines Vaters Tagebuch): Der Geburtsort, eine alte Bischofsstadt, war gar herrlich gelegen. Die Luigikirche soll noch zur Zeit Karls des Großen  erbaut  worden  sein.  Der  Vater  hatte  als  Werkmeister  die  Leitung  und  Buchführung  über  den gesamten  Betrieb  im  Zuchthaus,  wo  über  tausend  Gefangene  waren.  Baumwoll-,  Seide- und Wollwebereien,  Goldleistenfabrikation  und  Schlossereien  wurden  betrieben,  darunter  auch  zwölf  eigene Webstühle. Trotz  der  vielen  Aufgaben  war  der  Vater  liebevoll  um  seine  Familie  besorgt  und  legte  mit  seiner energischen,  pflichttreuen  und  liebevollen  Art  den  Grundstock  für  das  Werden  seiner  drei  Buben.  Ein Schwesterchen  starb  schon  sehr  bald  und  wurde  noch  in  Werden  beerdigt.  Die  Mutter  prägte  in  ihrer Frömmigkeit  und  ihrem  Fleiß  das  Wesen  der  Jungen.  Das  betont  er  besonders  in  einem  Brief  an  seinen
Sohn Hans vom 11. Februar 1903 aus Obercassel.
Schon bald wurde den Jungen das Verhältnis von evangelisch und katholisch bewußt, denn der Vater der Mutter  gehörte  zur  katholischen  Kirche.  Der  Unterschied  war  in  der  alten  Bischofsstadt  nicht  verwischt, wie  das  der  getrennte  Gang  der  Groƒeltern  zum  Gottesdienst  zeigt,  aber  dennoch  war  ein  friedliches Zusammenleben der Bürger möglich und vorhanden. Es gab es nicht selten blutige Kämpfe zwischen den Jungen  der  katholischen  Schule  und  uns  evangelischen  Schülern  - berichtet  Albert  - mit  Schneebällen, Knütteln und Knallbüchsen aus Holunderästen. Am heftigsten entbrannten dieselben zur Winterszeit, wenn der Schnee, - „der in meiner Jugendzeit viel höher als jetzt fiel“ (1840 !!) - das einfachste und bequemste
Material zu unseren Wurfgeschossen lieferte. Ich entsinne mich deutlich und frisch - schreibt Albert - wie eines  Tages  bei  solchem  Sturm  mir  ein  Ball  in  den  schreienden  offenen  Mund  fuhr,  daß  augenblicklich
meine Stimme hin war und ich Not hatte, wieder Luft zu bekommen. Die Jugendkämpfe regten ihn mächtig auf und an, und er ist der Meinung, daß sie Grund für seine Gesundheit und Kraft gewesen sind. Weil er sich  in  gesunder  Luft,  in  Berg  und  Wald,  in  und  auf  dem  Wasser  herumtummeln  konnte,  bestand  seiner Meinung nach nicht die Gefahr, zuviel Zeit hinter Schulbüchern zu verbringen, was den Blick für die realen
Verhältnisse trübe. „Mehr  Wissen  mag  man  heute  haben,  aber  tüchtiger  ist  man  nicht.“  „Herzlich  habe  ich  immer  meine Jungen bedauert, daß unsere Jetztzeit soviel mehr Schulweisheit begehrt und so wenig Raum gewährt, den Geist und den Körper zu stärken.“ Viele  Wanderungen  führten  in  die  schöne  Umgebung,  so  daß  ihn  das  später  immer  auch  mit  Sehnsucht erfüllte.
Für  das  Sozialverhalten  waren  die  Eindrücke  des  Strafvollzugs  wichtig.  Mit  dem  Vater  gingen  die  drei Jungen durch die Strafanstalt und sahen sich rückfällige Verbrecher an, die zur Strafe Pappmützen tragen mußten oder auf dem Strafbock saßen. Die  Kinderwelt  fand  1843  ihr  Ende,  weil  sich  der  Vater  nach  Düsseldorf  versetzen  ließ. Dort konnte die Mutter ein Tuch- und Manufakturgeschäft betreiben, wo sie die Tuche aus der Strafanstalt und die Stoffe der  eigenen  Webstühle  verkaufte.  Als  Beamter  durfte  der  Vater  keine  Nebenbeschäftigung  ausüben.  So wollten die Eltern die teure Ausbildung ihrer Kinder besser finanzieren. Die Verhältnisse wurden weniger
bedrückend als sie vorher bei dem geringen Gehalt waren. Nicht lange dauerte das erleichterte Leben, ein Hauptschuldner der Eltern verschwand mit einer Schuld von 6000 Talern. Nie wieder sahen sie etwas von ihm oder ihrem Geld.
Das  bedeutete  Aufgabe  des  Geschäfts  und  einen  tiefen  Einschnitt  in  den  Bildungsweg  von  Albert Schöpwinkel.  Sein  langgehegter  Plan,  Naturwissenschaften  und  Mathematik  zu  studieren,  mußte
aufgegeben werden, denn er sollte möglichst bald selbständig werden und seinen Unterhalt selbst verdienen. Mit  18  Jahren  bezog  er  die  Königliche  Ackerbauschule  zu  Riesenrodt  bei  Altena  in  Westfalen,  um
Landwirt zu werden, nachdem eine Militärlaufbahn oder die einjährige Dienstzeit nicht infrage kamen. Die Kommission  zur  Prüfung  der  Freiwilligen  zum  einjährigen  Militärdienst  stützte  die  Ablehnung  auf  die
Feststellung  des  Arztes:  ‘er  besitzt  noch  nicht  die  erforderliche  Körperstärke  zum  Eintritt  bei  einem Truppenteil’.  Schon  bald  stellte  er  fest,  daß  er  außer  in  den  praktischen  landwirtschaftlichen  Tätigkeiten
kaum etwas lernen konnte. Mit Glück konnte er schon nach einem Jahr mit einem guten Abgangszeugnis die Schule verlassen. Er  kehrte  ins Elternhaus zurück und kam durch Vermittlung als Ökonom in die Knabenrettungsanstalt in Düsselthal.  Die  Nähe  zu  Düsseldorf  mit  den  Eltern  und  endlich  wieder  unter  gebildeten  Leuten  zu  sein, ließen  ihn  aufatmen  und  die  etwas  trostlosen  Riesenrodter  Zeiten  etwas  verblassen.  Ob  er  in  den
Düsseldorfer  oder  später  Kaiserswerther  Jahren  an  der  Düsseldorfer Maleracademie,  die  1767  begründet wurde, als Student oder Externer studieren konnte, läßt sich trotz Nachforschungen nicht ermitteln.
1851  erhielt  er  einen  Brief  von  Pfarrer  Fliedner,  dem  berühmten  Begründer  der  Diakonie,  der  ihm  die Stellung eines Ökonomie-Verwalters in Kaiserwerth anbot. Von 1851 bis 1854 war er dort tätig. Fliedner
schrieb  im  Juni  1854:  ‘Wir  werden seinen Abgang aus der Anstalt schmerzlich bedauern, können seinem Weiterstreben aber nicht hinderlich sein ...’.
Albert  Schöpwinkel  bemühte  sich  um  weitere  Ausbildung  an  der  Königlichen  staats- und landwirtschaftlichen  Akademie  in  Eldena  bei  Greifswald,  hatte  wohl  aber  keinen  Erfolg,  weil  er  die
erforderlichen  Zeugnisse  für  den  Universitätszugang  nicht  vorlegen konnte. In der Zeit bemühte sich sein Bruder Rudolph sehr um ihn; er solle ja nicht vorzeitig die Stellung in Kaiserswerth aufgeben. Dennoch  nahm  er  dort  1856  seinen  Abschied  und  machte  eine  Bildungsfahrt,  die  ihn  nach  Belgien,
Frankreich,  in  die  Schweiz  und  Süddeutschland  führte.  Im  Juni 1856  schreibt  er  seine  Empfindungen  an einem Sonntagnachmittag in Paris auf. Das Ade sagen in Kaiserwerth und von den Eltern steckt ihm noch
in  den  Knochen  und  macht  etwas  wehmütig.  Aber  er  hoffte,  den  jüngsten  Bruder  in  Südfrankreich  zu treffen.  Ausführlich  hat  er  seine  Erlebnisse  aufgeschrieben,  die  ich  bei  Gelegenheit  in  lesbare  Schrift
übertragen  will.  Voller  Begeisterung  sog  er  alle  Erlebnisse  auf  und  dachte  nicht,  daß  er  das  alles  noch einmal  erleben  könnte.  Glücklich  kehrten  die  Brüder  nach  Düsseldorf  zurück, wo sie die Eltern noch gar
nicht erwartet hatten.
Eine neue Anstellung als Reisebegleiter  eines Herrn von Pleß, zunächst zu dessen Erholung und dann zur landwirtschaftlichen  Ausbildung  ergab  sich  1857,  die  sich  durch  die  Hochzeit  desselben  zerschlug  oder besser gesagt, die umgewandelt wurde in die Stellung eines Privatsekretärs bei der Mutter, Kammerherrin von Pleßen geb. von Carnap auf Reetz in Mecklenburg. Seine Aufgabe war es, Feld- und Waldwirtschaft zu beaufsichtigen, Drains-Anlagen und Bewässerung der Kunstwiesen zu überwachen, Gutskarten und
-pläne zu zeichnen, Feld- und Forstwirtschaftsjournale zu führen, detailliertes Geld- und Rechnungswesen, die    Ziegeleiaufsicht,  das  Torfmoor,  die  Pachtkontrakte  und  die  Privat- und  Correnspondenz  mit den
Behörden. Das Zeugnis bescheinigt ihm, die Gutskasse zu voller Zufriedenheit geführt zu haben, als er dort aus dem Dienst ausscheidet, weil das Klima seiner Gesundheit nicht zuträglich ist und er sich auch sonst etwas unterfordert fühlt bzw. eine Garantie der Dauer nicht gegeben ist. Die  guten  Freundschaften  aus  der  Kaiserswerther  Zeit  brachten  nun  eine  neue  Möglichkeit  für  Albert Schöpwinkel. Ein Brief vom 11.9.1859 enthält den Satz: ‘Sollten Sie noch ohne Stellung und geneigt sein, bei  dem  hiesigen  regierenden  Herrn  Grafen  Otto,  Erlaucht,  als  Cabinets-Secretair  einzutreten,  womit  Sie ohne Zweifel Ihr Lebensglück begründen würden, so empfehle ich Ihnen, sich sofort mit einem desfallsigen Gesuch an den hiesigen Kammerrath Gottsched zu wenden, wo ich Sie bereits in Vorschlag gebracht habe’. Weiter erfahren wir: ‘Der erst 23 Jahre alte gräfl. Herr sucht eben einen zuverlässigen christlichen Mann, der  stets  um  ihn  sein  und  ihn  auf  seinen  Reisen  begleiten  soll.  Sie  würden  die  Kasse  führen,  Leibjäger,
Koch, Kutscher, Bediente etc. unter sich haben und die vorkommenden Schrift-Sachen (in gräfl. Amtsstyl) zu entwerfen haben. .....Wäre ich noch ungebunden gewesen, so würde ich die Stellung sofort angenommen
haben.  .......’. Und tatsächlich entwirft Albert Schöpwinkel eine Bewerbung und schickt sie am 15.9.1859 nach Wernigerode.
Die  Anstellung  gelingt.  Graf  Otto  vermerkt  in  seinem  Tagebuch:  ‘Einen  schon  während  des  Berliner Aufenthalts  engagierten  Privatsekretär  Schöpwinkel  (jetzt  Kanzleirath  in  Wernigerode)  brachte  ich
ebenfalls  mit;  derselbe  besorgte  meine  Correspondenz  und  verwaltete  meine  Chatoullekasse’.  Und  an anderer  Stelle:  ‘Außerdem  aß  noch  regelmäßig  der  Cabinetssekretair  Schöpwinkel  mit  mir,  welchem  ich,
nachdem  der  Kammerrath  Boehs  ausschließlich  zur  Kammer  übergegangen  war,  die  gesamten Cabinetsgeschäfte  außer  seinen  bisherigen  übertrug’.  (Breitenborn,  Die  Lebenserinnerungen  des  Fürsten
Otto zu Stollberg-Wernigerode, Wernigerode Jüttner 1996, S. 49 und 55; Abbildung S.50 Nr. 25).
Das  zeigt  zwar  nicht ganz  den  Werdegang  der  Bewerbung,  aber  umreißt  die  Bedeutung,  die  Albert Schöpwinkel  beigemessen  wird.  Die  gute  Zusammenarbeit  mit  den  Kollegen  zeigt  sich  später  dann  in
gegenseitigen  Patenschaften  bei  Kammerrath  Boehs  Tochter  und  bei  Bibliothekar  Dr.  Jacobs  Sohn  und dann  bei  den  eigenen  Kindern:  Frau  Kammerdirector  Gottsched,  Herr  Kammerrath  Boehs,  Frau
Hofprediger Radecke, Frau Kammer-Assessor von Hoff, Hofcantor Spangenberg, Regierungsdirector von Hoff,  Archivar  Dr.  Jacobs,  Landschaftsmaler  Crola,  Frau  Hofcantor  Spangenberg,  Frau  Dr.  Jacobs,
Fräulein Sophie Gottsched. Schöpwinkel selber schreibt: ‘Graf Otto stand abwechselnd in Potsdam und Berlin in Garnison. An letzterm
Ort war sein Aufenthalt, als ich mein neues Amt zunächst als Privatsecretair mit Aussicht demnächstiger Ernennung zum Cabinetssecretair antrat, am 6. Dezember 1859, nachdem ich zuvor vom 1. November ab zur Orientierung in den Geschäften  im Gräfl. Cabinet zu Wernigerode mich beschäftigt hatte. Es konnte mir  hier  i.(m)  C.(abinet)  nicht  entgehen,  daß  Graf  Otto  sich  mit  ganzer  Liebe  und  Freudigkeit  seinem interimistischen Beruf hingab, welche Vorliebe für das Waffenhandwerk ihm auch jetzt noch eigenthümlich
ist’.
In weiteren Aufzeichnungen werden die verschiedenen  Reisen, der Erwerb des Offizier-Patents, aber auch der Ankauf von Bildern, die zunächst in Berlin und später in Schloß Wernigerode hingen, festgehalten. Da heißt  es:  ‘Ankauf  von  Bildern  aus  der  Südernischen  Galerie.  Bei  der  öffentlichen  Versteigerung  der werthvollen Bildergalerie zu Södern (Hannover) im Auftrag seines Neffen von des Graf Botho, Erlaucht 8 Stück Ölbilder käuflich erworben; nämlich: Rembrandt, ein alter Krieger; Holbein Hans d. Jüngere, Bildniß
eines Mannes in schwarz. Wamms; desgl.:  einer Frau in einem schwarzen durchwirkten Kleide; Salvator Rosa, lauernde Räuber; van Thulden, Antiochus und Stratonice mit dem Leibarzt des Königs; Spangoletto, Kopf  eines  jungen  Kriegers  im  Brustharnisch;  Ruysdael,  Salomon,  ein  Dorfwirtshaus;  Mucheron  und Berghem,  Landschaft  bei  Sonnenuntergang’.  Angekauft  wurden  auch  zwei  Landschaften  von  dem Ilsenburger  Landschaftsmaler  Jabin: Blick vom Torfhaus nach dem Brocken, Blick über das Eckertal ins
Braunschweiger Land, welche ebenfalls aus Berlin nach Wernigerode kamen.
Es  ist  viel  los,  und  er kommt kaum mit  dem Aufzeichnen der Erinnerungen nach. Einschneidend war die Fahrt zum Begräbnis des Königs Wilhelm IV. im Januar 1861, nicht nur wegen der grimmigen Kälte. In dem Jahr gab es den Ankauf eines Gemäldes von G. Crola in Ilsenburg: Ölbild von Wernigerode, Blick von  den  Kalkhütten  aus  - als  Geschenk  für  Gräfin  Botho  Erlaucht.  Immer  wieder  werden  so  die unterschiedlichen  Ereignisse  festgehalten;  die  erste  Reise  nach  Gedern  ebenso  wie  die  Teilnahme  an  den
Krönungsfeierlichkeiten in Königsberg.
Das Jahr 1862 begann mit einem besonderen Höhepunkt. Albert Schöpwinkel erhielt die Mitteilung, daß er Reisebegleiter  für  den  Grafen  und  seine  Mutter  auf  einer  Reise  in  die  Schweiz  und  nach  dem  Süden
Frankreichs sein sollte. „Mit umso größerer Freude begrüßte ich diesen Reiseplan, als ich bereits im Jahre 1856 die Gegenden zum größten Theil bereist hatte, die nun wieder aufgesucht werden und mir neue reiche
Genüsse bieten sollten.“ Im  gleichen  Jahr  wurde  er  gemäß  einer  Ernennung  gegeben  zu  Ilsenburg  den  30.  Oktober  1862  für
erwiesene Treue zum wirklichen Cabinet-Secretair mit allen Rechten und Vorzügen eines solchen berufen.

Von einer Privatreise nach England (Derdey S. 99) habe ich leider nichts gefunden, dagegen liegt mir das Consenspapier zur „Verheirathung“ mit Albertine Deußen vom 23. Dezember 1862 vor. Das ist der Beginn
eines glücklichen Lebensabschnitts für Albert und Albertine, die am 28. Mai 1863 durch Bruder Rudolph, der Pfarrer geworden war, in der Kirche zu Odenkirchen getraut wurden. Im Oktober 1864 wurde ihnen der
erste Sohn geboren, dem im Laufe der Jahre noch drei Brüder und als letzte eine Schwester folgten. Als  Beamter  mußte  Albert  Schöpwinkel  für  alles  und  jedes  einen  Antrag  stellen,  der  seine  Begründung brauchte  - so  sah  und  so  sieht  es  teilweise  das  Beamtenrecht  bis  heute  vor.  Es  müssen  nicht  immer  die „pekuniäre“  Lage  oder  aber  „bedrängende  materielle  Verhältnisse“  sein,  die  aus  den  Anträgen  sprechen, wie Frau Derdey das gelesen hat. Der Dienstweg sah eben vor, Leistungen nur auf Antrag zu gewähren. Natürlich war die Tätigkeit als Zeichenlehrer am Gymnasium seit April 1866 ein erfreulicher Zuverdienst, aber eben auch der Deputats-Karpfen aus der gräflichen Teichwirtschaft mußte beantragt werden. Die  jährliche Entlastung  für  die  Kassenführung  wurde  mit  Graf  Ottos  eigener  Unterschrift  erteilt.  Wie Albert es selbst erlebt hatte, versuchte er für die Seinen zu sorgen und den Lebensweg zu ebnen. Die „Not“ kann  nicht  so  groß  gewesen  sein,  denn  ein  Sohn  wurde  Pfarrer,  der  andere  Oberstabsarzt,  der  dritte Kaffeehändler in Bremen, der vierte Oberpostrat und die Tochter Narkoseschwester; alle wurden übrigens - bis auf die Tochter (Kirche St. Theobaldi zu Nöschenrode) - in der Schloßkirche getauft und später zumeist auch dort konfirmiert.
Albert Schöpwinkel wurde zum Geschworenen am Königlichen Kreisgericht in Halberstadt berufen und in diesem Amt immer wieder bestätigt. Trotz allem ließ ihn die Liebe zur Kinderheimat nicht loß, und es fiel ihm nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, als ihn der Königliche Landrat aus Mettmann 1867 zweimal zum Bürgermeister berufen lassen wollte. Erst sollte es in Neviges bei Wuppertal sein und dann in Haan. Er blieb Wernigerode treu, aber seine Kuren nahm er wohl nicht nur aus Kostengründen in der vertrauten rheinischen Gegend wahr; zumal gerade auch in Obercassel Verwandtschaft wohnte.
Immer  wieder  führten  ihn  Kurzurlaube  zur  Weiterbildung  für  seine  Tätigkeit  als  Zeichenlehrer  am Gräflichen Gymnasium nach Berlin. Der Bitte nach zahlenmäßiger Begrenzung der Schülerzahl wegen der Disziplin und wegen seiner Gehörbeeinträchtigung wurde aber nicht entsprochen.
Über  sein  künstlerisches  Schaffen  legte  er  ein  Verzeichnis  an,  in  dem  Datum,  Motiv  und  Besitzer aufgeführt  sind,  leider  ist  ein  Teil  der  Eintragungen  nicht mehr  vorhanden  (bis  zum  April  1909  sind  es
immerhin  240).  Die  meisten  seiner  Bilder  waren  Geschenke  oder  Auftragsarbeiten.  Ein  Album  mit Zeichnungen  und  Ölbilder  von  einer  Reise  nach  Lugano  1875  und  handschriftliche  Erläuterungen  dazu
machte er seiner zweiten Frau zum Weihnachtsgeschenk (jetzt in meinem Besitz).
Im  Zusammenhang  mit  einer  Neuordnung  des  bisherigen  Kabinetts  kam  1876  die  Ernennung  zum Kanzleirat. Im Handschreiben heißt es:  „.... so finde ich mich bewogen; zum Zeichen meiner Anerkennung Ihrer seitherigen treuen Dienste und meiner fortdauernden Zufriedenheit Sie hierdurch zum Kanzleirath zu ernennen .... ich mache mir aber das Vergnügen Sie hiervon unmittelbar am heutigen Tag in Kenntnis zu setzen. Wernigerode den 30ten October 1876 Otto zu Stolberg.“ Offiziell erging dann die Verfügung durch
den Kammerdirektor von Hoff am 31. Oktober mit der Übermittlung der Ernennungsurkunde.
Ehrung und Anerkennung wurde ihm zuteil, indem Heinrich XIV. Fürst von Reuß Albert Schöpwinkel das Ehrenkreuz  verlieh, wozu  er  außerdem  das  königliche  Diplom  bekam,  oder  aber  auch  die  Privatbank  zu Gotha dem Herrn Landschaftsmaler im Auftrage Geld des Kunstvereins Gotha überwiesen hat, und später dann das Kollegium des Gymnasium ihm eine Festschrift überreichte.

1879 wurde ein besonders schlimmes Jahr für Albert Schöpwinkel; die geliebte Frau, erst vierzig Jahre alt, starb im Oktober infolge von Gallensteinen, und der treue Bruder Rudolph dann ganz plötzlich mitten aus dem Schaffen und dem Pfarrdienst bald darauf im Dezember. Dort im Pfarrhaus in Burg an der Wupper die Witwe mit vier Kindern; er hier in Wernigerode mit fünf  Kindern, der älteste gerade 15 Jahre alt. Das wurde  sicherlich  Grund  für  sein  vorzeitiges  Altern  und  die  sich  häufenden  Krankheitsbeschwerden,  auf jeden Fall war es ihm Anlass, auf dem Amtsgericht sein Testament zu hinterlegen. Ab  1881  wird  ihm  die  Verantwortung  über  die  an  verschiedenen  Orten  zerstreut  aufbewahrten herrschaftlichen  Sammlungen,  welche  in  der  Lage  (Lagerbuch)  verzeichnet  sind  und  welchen  die  noch in Gewahrsam  der  verwittweten  Regierungsdirektor  Sporleder  befindlichen,  testamentarisch  Sr.  Erlaucht vermachten  Sammlungen  des  Regierungsdirektors  a.d.  Sporleder  hinzutreten,.....  zunächst  werden Vorschläge über die angemessene Vereinigung der Sammlungen an geeigneten Orten zu machen und höhere Entscheidung darüber einzuholen sein' übertragen.
Zusätzliche  Zeichenstunden  werden  1881  vom Rektor  des Gymnasiums beantragt.  Er  sagt  zu,  aber  alles zehrt  an  seinen  Kräften.  Nach  24  Jahren  gibt  er  die Kassenführung  ab.  „Mit  Rücksicht  auf  veränderte
Verhältnisse  bestimme  Ich  unter  Anerkennung  der  musterhaften  Art  und  Weise,  in  der  Sie  24  Jahre hindurch Meine Chatoulle-Kasse verwaltet haben, daß dieselbe vom 1ten Juli d. J. ab  auf den Hauptmann a.D.  von  Lemcke  überzugehen  hat,  welchem  Sie  alle  bezgl.  Acten  und  Papiere  behändigen  wollen. Wernigerode den 6ten Juni 1883. Otto.“
Mit 59 Jahren heiratet er seine zweite Frau, die achtunddreißigjährige Ida Hempel, eine Pfarrerstochter aus Mecklenburg.  Die  Trauung fand  durch  den  Schwager  der  Braut  in  Plauen  im  Vogtland  statt.  Zu  den
Kindern erster Ehe bildet sich ein herzliches Verhältnis. Oft kehrten sie später in Obercassel bei den Eltern ein, wie aus den Aufzeichnungen meines Großvaters, Johannes Schöpwinkel, hervorgeht. Ab  1.  Januar  1891  wurde er gnädigst vom „Bureau-Dienst bei der Fürstlichen Kammer entbunden“, und
ein  Ruhegehalt  gewährt.  Der  Gesundheitszustand  hat  sich  weiter  verschlechtert,  aber  er  bleibt  weiterhin verantwortlich für die gräflichen Sammlungen, darf die Dienstwohnung beibehalten und erhält das jährliche
Holzgeld.
Im  Februar  wird  er  wegen  des  plötzlichen  Todes  des  Musiklehrers  gebeten,  Vertretungsstunden  am Gymnasium zu übernehmen. Mit der Zusage bekommt er einen ziemlich gefüllten Stundenplan. Ein  ärztliches  Gutachten  veranlaßt  ihn  1894,  um  die  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  bitten.  Kammer-Präsident  Michaelis  schreibt  am    4.  Juli  1894:“  ...  benachrichtige  Eure  Wohlgeboren,  daß  des  Fürsten Durchlaucht  laut  des  anliegenden  Dienstabschieds  Ihrer Bitte  entsprochen“....  hat.  Er  gibt  dem   Wunsch Ausdruck,  daß  die  Entbindung  von  den  Dienstgeschäften  zur  Genesung  beitragen  möge,  um  einen friedlichen Lebensabend genießen zu können. 1895  zieht  er  in  sein  Häuschen  in  Obercassel  bei  Bonn.  Dort  kehren  die Kinder  mit  ihren  Familien  wie schon erwähnt so oft wie nur möglich ein.
Die 1893 aufgegebene Malerei - das Bild 127 „Mondscheinlandschaft auf Leinwand, Motiv Niederrhein“ ,ein Geschenk zur Silberhochzeit von Baurat Mehsow,  ist das vorläufig letzte - setzte sich erst wieder nach fünf  Jahren  fort.  Nummer  128  ein  Ölbild  „Vordermühle  bei  Steuer,  Mecklbg."  auf  Leinwand  hat  den Zusatz: Erstes Bild nach jahrelanger Krankheit, Geschenk a.(n) m.(eine) l.(iebe) Id.(a) z.(um) Dank f.(ür) tr.(eue) Pflege, 1898.
Im gleichen Jahr erhält er ein Schreiben: „Ich übersende Herrn Kanzleirath Schöpwinkel die zum Andenken an meinen verewigten Vater weiland Seine Durchlaucht den Fürsten Otto geprägte Medaille. Wernigerode,
den  19ten  November  1898.  Christian  Ernst  Fürst  zu  Stolberg.“  Die  Verbindung  nach  Wernigerode  war nicht  abgerissen,  waren  doch  die  Kinder zusammen groß  geworden. (1921  schreibt  unser  Großvater  z.B.:
‘Vom  4.-13.  Oktbr.  Verbrachte  ich  meinen  Herbsturlaub  in  Wernigerode  bei  Bruder  Paul  ..... Zusammentreffen mit dem Fürsten Christ. Ernst’.
Noch  fast  zwölf  Jahre  malte  Albert  Schöpwinkel  mit  wieder gewonnener  Schaffenskraft,  manches  ist allerdings nicht mehr ganz vollendet, so das letzte Bild „Mühle im Schwarzwald“ vom April 1909.
Im  Erinnerungsbüchlein  trägt  seine  zweite  Frau  ein:  „Am  4.  November  1910  entschlief  nach  langem schweren  Leiden  mein  innigst  geliebter  Mann,  Kanzleirat  Albert  Schöpwinkel  im  81.  Lebensjahr.  Tief
gebeugt stehe ich vor seinem Grabe u. bitte Gott um Seinen lieben Trost u. Seine Hülfe.“
Mancher  Hasseröder  und  mancher  Wernigeröder  erinnert  sich  vielleicht  noch  an  den  Arzt  Paul Schöpwinkel  in  der  Friedrichstraße  oder  an  den  alten  Pfarrer  Johannes  Schöpwinkel  in  der  Huberstraße oder  den  Oberpostrat  Ernst  Schöpwinkel  am  Teichdamm  oder  die  Schwester  Marie  Schöpwinkel  im Königsstift in der Sägemühlenstraße. Heute leben noch Namensträger als Urenkel in Gräfenhainichen und im Bergischen Land, aber auch als Urenkel in Wernigerode, in Dessau, in Österreich und bei Naumburg.
Viele  Bilder  aus  der  Familie  sind wieder  mit  uns  nach  Wernigerode zurückgekehrt und werden nach und nach  durch  Herrn  Peter  Schultze,  Galerie  am  ehemaligen  Dullenturm  - gereinigt  und  restauriert  und
gerahmt. Auf  dem  Schloßfriedhof  ist  noch  immer  die  Stelle  unter  der  Traueresche  hinter  Eibenhecken,  wo  Albert Schöpwinkel seine liebe Frau Albertine schon so bald begraben mußte. Später - Anfang der fünfziger Jahre
- wurde  dann  seine  Tochter  Maria  dort  bestattet,  und  noch  lange  stand  in  unserer  Kindheit  das  weiße Marmorkreuz  dort.  Vielleicht  wird  das  einmal  ein  Ort,  an  dem  man  den  verdienstvollen  Maler  Albert
Schöpwinkel ebenso ehrt wie auf dem Theobaldi-Friedhof die Maler der Künstlerkolonie Wernigerode.
Olaf  Beer, Pfr.i.R., Wernigerode.

Neues über den Harzmaler Albert Schöpwinkel (1830 – 1910)
In früheren Ausgaben der NWZ hatte ich ausführlich über unseren Urgroßvater berichtet. Damals hatte  ich  die  These  von  Frau  Derdey  bezweifelt,  daß  Albert  Schöpwinkel  jemals  in  England gewesen  sei.  Meine  Nachforschungen  in  der  Außenstelle  des  Staatsarchivs  haben  das  bestätigt: Schöpwinkel  wollte  heiraten  und  brauchte  dazu  die  Einwilligung  des  Grafen  Otto.  Das Konsensgespräch konnte erst nach Rückkehr des Grafen aus England und der Schweiz, wohin er mit seiner Mutter gereist war, erfolgen.
Andere Neuigkeiten fand unser Neffe Dr. Ralf Schöpwinkel (Ururenkel von Albert Schöpwinkel) im Internet, als er in seinem Fachgebiet surfte.
In  dem  Buch  von  Ludwig  Gerhardt  „Die  Ornithologen  Mitteleuropas“  - 1747  bemerkenswerte Biographien vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts - ; Zusammenfassung der Bände 1  – 4,  im AULA-Verlag  in  der  Reihe  Klassiker  der  Tier- und  Pflanzenkunde  – ist  auch  Albert
Schöpwinkel zu finden. Da  wird  bestätigt,  daß  er  „auf  dem  Gebiet  der  Malerei  begabt“,  „an  der  Düsseldorfer  Akad. studierte“. „Er mußte aber die Künstlerlaufbahn nach einigen Semestern aufgeben, weil der Vater das Verm€gen verlor.“
„30  Jahre  und  mehr  hatte  der  Naturfreund  und  Jäger  die  nähere  und  weitere  Umgebung  seines Wohnsitzes  durchstreift,  als  er  sich  entschloß,  „in  knappen  Mußestunden“  die  „Vogelw.  d. Grafschaft Wernigerode“ (Schr. 7 1892) niederzuschreiben, „weil bei unserer heutigen Jugend das
Interesse und das Wohlgefallen an der Natur und ihren Erscheinungen immer mehr im Schwinden begriffen ist“.“ Jagdgenossen und Forstbeamte untersttzten ihn. „Sch. selbst kam offenbar über die lückenhaften Kenntnisse eines musisch veranlagten Laien nicht hinaus. Seine Angaben sind z.T. ungenau oder unbestimmt; z.T. beruhen sie auf Irrtümern.“

Olaf Beer, Wernigerode