Albert Schöpwinkel – ein Wernigeröder Maler
Von Olaf Beer
Ein Artikel in der damaligen LDZ erregte 1990 nicht nur meine Aufmerksamkeit, sondern auch meinen Unwillen. Unter der Schlagzeile: Neues über einen Wernigeröder Maler -Sonderausstellung im Schloß
Bilder von Albert Schöpwinkel.
Damals nahm ich mir vor, bei Gelegenheit über unseren Urgroßvater zu schreiben, denn ich habe ziemlich umfangreiche Materialien aus der Familiengeschichte. Nun bin ich im vorzeitigen Ruhestand und kann
mich der Aufgabe widmen.
In dem Buch: Der Harz -gesehen von Malern (1850 -1950) von Siegfried und Ursula Gerecke, Göttingen 2.
Auflage 1992 fand ich den Hinweis auf die verdienstvolle Arbeit von Doris Derdey auf Seite 247. Nach dem Besuch der Harzbibliothek stellte ich fest, daß der Artikel der LDZ im Wesentlichen die Wiedergabe
der Derdeyschen Erkundung war. (Unser Harz 5 1990, Seite 98).
Nun, da sich der 170. Geburtstag und der 90. Todestag von Albert Schöpwinkel nähert, will ich einige Berichtigungen und etwas ausführlichere Nachrichten über den Wernigeröder Maler zusammenstellen. Dabei wird oftmals die altertümliche Schreibweise beibehalten, ohne das besonders zu kennzeichnen.
Arnold Anton Albert Schöpwinkel wurde am 26. August 1830 in Werden an der Ruhr im Privathaus des Königlichen Werkmeisters der Strafanstalt geboren.
Er erzählt selbst (sein ältester Sohn Johannes - unser Großvater - zitiert aus seines Vaters Tagebuch): Der Geburtsort, eine alte Bischofsstadt, war gar herrlich gelegen. Die Luigikirche soll noch zur Zeit Karls des Großen erbaut worden sein. Der Vater hatte als Werkmeister die Leitung und Buchführung über den gesamten Betrieb im Zuchthaus, wo über tausend Gefangene waren. Baumwoll-, Seide- und Wollwebereien, Goldleistenfabrikation und Schlossereien wurden betrieben, darunter auch zwölf eigene Webstühle. Trotz der vielen Aufgaben war der Vater liebevoll um seine Familie besorgt und legte mit seiner energischen, pflichttreuen und liebevollen Art den Grundstock für das Werden seiner drei Buben. Ein Schwesterchen starb schon sehr bald und wurde noch in Werden beerdigt. Die Mutter prägte in ihrer Frömmigkeit und ihrem Fleiß das Wesen der Jungen. Das betont er besonders in einem Brief an seinen
Sohn Hans vom 11. Februar 1903 aus Obercassel.
Schon bald wurde den Jungen das Verhältnis von evangelisch und katholisch bewußt, denn der Vater der Mutter gehörte zur katholischen Kirche. Der Unterschied war in der alten Bischofsstadt nicht verwischt, wie das der getrennte Gang der Groƒeltern zum Gottesdienst zeigt, aber dennoch war ein friedliches Zusammenleben der Bürger möglich und vorhanden. Es gab es nicht selten blutige Kämpfe zwischen den Jungen der katholischen Schule und uns evangelischen Schülern - berichtet Albert - mit Schneebällen, Knütteln und Knallbüchsen aus Holunderästen. Am heftigsten entbrannten dieselben zur Winterszeit, wenn der Schnee, - „der in meiner Jugendzeit viel höher als jetzt fiel“ (1840 !!) - das einfachste und bequemste
Material zu unseren Wurfgeschossen lieferte. Ich entsinne mich deutlich und frisch - schreibt Albert - wie eines Tages bei solchem Sturm mir ein Ball in den schreienden offenen Mund fuhr, daß augenblicklich
meine Stimme hin war und ich Not hatte, wieder Luft zu bekommen. Die Jugendkämpfe regten ihn mächtig auf und an, und er ist der Meinung, daß sie Grund für seine Gesundheit und Kraft gewesen sind. Weil er sich in gesunder Luft, in Berg und Wald, in und auf dem Wasser herumtummeln konnte, bestand seiner Meinung nach nicht die Gefahr, zuviel Zeit hinter Schulbüchern zu verbringen, was den Blick für die realen
Verhältnisse trübe. „Mehr Wissen mag man heute haben, aber tüchtiger ist man nicht.“ „Herzlich habe ich immer meine Jungen bedauert, daß unsere Jetztzeit soviel mehr Schulweisheit begehrt und so wenig Raum gewährt, den Geist und den Körper zu stärken.“ Viele Wanderungen führten in die schöne Umgebung, so daß ihn das später immer auch mit Sehnsucht erfüllte.
Für das Sozialverhalten waren die Eindrücke des Strafvollzugs wichtig. Mit dem Vater gingen die drei Jungen durch die Strafanstalt und sahen sich rückfällige Verbrecher an, die zur Strafe Pappmützen tragen mußten oder auf dem Strafbock saßen. Die Kinderwelt fand 1843 ihr Ende, weil sich der Vater nach Düsseldorf versetzen ließ. Dort konnte die Mutter ein Tuch- und Manufakturgeschäft betreiben, wo sie die Tuche aus der Strafanstalt und die Stoffe der eigenen Webstühle verkaufte. Als Beamter durfte der Vater keine Nebenbeschäftigung ausüben. So wollten die Eltern die teure Ausbildung ihrer Kinder besser finanzieren. Die Verhältnisse wurden weniger
bedrückend als sie vorher bei dem geringen Gehalt waren. Nicht lange dauerte das erleichterte Leben, ein Hauptschuldner der Eltern verschwand mit einer Schuld von 6000 Talern. Nie wieder sahen sie etwas von ihm oder ihrem Geld.
Das bedeutete Aufgabe des Geschäfts und einen tiefen Einschnitt in den Bildungsweg von Albert Schöpwinkel. Sein langgehegter Plan, Naturwissenschaften und Mathematik zu studieren, mußte
aufgegeben werden, denn er sollte möglichst bald selbständig werden und seinen Unterhalt selbst verdienen. Mit 18 Jahren bezog er die Königliche Ackerbauschule zu Riesenrodt bei Altena in Westfalen, um
Landwirt zu werden, nachdem eine Militärlaufbahn oder die einjährige Dienstzeit nicht infrage kamen. Die Kommission zur Prüfung der Freiwilligen zum einjährigen Militärdienst stützte die Ablehnung auf die
Feststellung des Arztes: ‘er besitzt noch nicht die erforderliche Körperstärke zum Eintritt bei einem Truppenteil’. Schon bald stellte er fest, daß er außer in den praktischen landwirtschaftlichen Tätigkeiten
kaum etwas lernen konnte. Mit Glück konnte er schon nach einem Jahr mit einem guten Abgangszeugnis die Schule verlassen. Er kehrte ins Elternhaus zurück und kam durch Vermittlung als Ökonom in die Knabenrettungsanstalt in Düsselthal. Die Nähe zu Düsseldorf mit den Eltern und endlich wieder unter gebildeten Leuten zu sein, ließen ihn aufatmen und die etwas trostlosen Riesenrodter Zeiten etwas verblassen. Ob er in den
Düsseldorfer oder später Kaiserswerther Jahren an der Düsseldorfer Maleracademie, die 1767 begründet wurde, als Student oder Externer studieren konnte, läßt sich trotz Nachforschungen nicht ermitteln.
1851 erhielt er einen Brief von Pfarrer Fliedner, dem berühmten Begründer der Diakonie, der ihm die Stellung eines Ökonomie-Verwalters in Kaiserwerth anbot. Von 1851 bis 1854 war er dort tätig. Fliedner
schrieb im Juni 1854: ‘Wir werden seinen Abgang aus der Anstalt schmerzlich bedauern, können seinem Weiterstreben aber nicht hinderlich sein ...’.
Albert Schöpwinkel bemühte sich um weitere Ausbildung an der Königlichen staats- und landwirtschaftlichen Akademie in Eldena bei Greifswald, hatte wohl aber keinen Erfolg, weil er die
erforderlichen Zeugnisse für den Universitätszugang nicht vorlegen konnte. In der Zeit bemühte sich sein Bruder Rudolph sehr um ihn; er solle ja nicht vorzeitig die Stellung in Kaiserswerth aufgeben. Dennoch nahm er dort 1856 seinen Abschied und machte eine Bildungsfahrt, die ihn nach Belgien,
Frankreich, in die Schweiz und Süddeutschland führte. Im Juni 1856 schreibt er seine Empfindungen an einem Sonntagnachmittag in Paris auf. Das Ade sagen in Kaiserwerth und von den Eltern steckt ihm noch
in den Knochen und macht etwas wehmütig. Aber er hoffte, den jüngsten Bruder in Südfrankreich zu treffen. Ausführlich hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben, die ich bei Gelegenheit in lesbare Schrift
übertragen will. Voller Begeisterung sog er alle Erlebnisse auf und dachte nicht, daß er das alles noch einmal erleben könnte. Glücklich kehrten die Brüder nach Düsseldorf zurück, wo sie die Eltern noch gar
nicht erwartet hatten.
Eine neue Anstellung als Reisebegleiter eines Herrn von Pleß, zunächst zu dessen Erholung und dann zur landwirtschaftlichen Ausbildung ergab sich 1857, die sich durch die Hochzeit desselben zerschlug oder besser gesagt, die umgewandelt wurde in die Stellung eines Privatsekretärs bei der Mutter, Kammerherrin von Pleßen geb. von Carnap auf Reetz in Mecklenburg. Seine Aufgabe war es, Feld- und Waldwirtschaft zu beaufsichtigen, Drains-Anlagen und Bewässerung der Kunstwiesen zu überwachen, Gutskarten und
-pläne zu zeichnen, Feld- und Forstwirtschaftsjournale zu führen, detailliertes Geld- und Rechnungswesen, die Ziegeleiaufsicht, das Torfmoor, die Pachtkontrakte und die Privat- und Correnspondenz mit den
Behörden. Das Zeugnis bescheinigt ihm, die Gutskasse zu voller Zufriedenheit geführt zu haben, als er dort aus dem Dienst ausscheidet, weil das Klima seiner Gesundheit nicht zuträglich ist und er sich auch sonst etwas unterfordert fühlt bzw. eine Garantie der Dauer nicht gegeben ist. Die guten Freundschaften aus der Kaiserswerther Zeit brachten nun eine neue Möglichkeit für Albert Schöpwinkel. Ein Brief vom 11.9.1859 enthält den Satz: ‘Sollten Sie noch ohne Stellung und geneigt sein, bei dem hiesigen regierenden Herrn Grafen Otto, Erlaucht, als Cabinets-Secretair einzutreten, womit Sie ohne Zweifel Ihr Lebensglück begründen würden, so empfehle ich Ihnen, sich sofort mit einem desfallsigen Gesuch an den hiesigen Kammerrath Gottsched zu wenden, wo ich Sie bereits in Vorschlag gebracht habe’. Weiter erfahren wir: ‘Der erst 23 Jahre alte gräfl. Herr sucht eben einen zuverlässigen christlichen Mann, der stets um ihn sein und ihn auf seinen Reisen begleiten soll. Sie würden die Kasse führen, Leibjäger,
Koch, Kutscher, Bediente etc. unter sich haben und die vorkommenden Schrift-Sachen (in gräfl. Amtsstyl) zu entwerfen haben. .....Wäre ich noch ungebunden gewesen, so würde ich die Stellung sofort angenommen
haben. .......’. Und tatsächlich entwirft Albert Schöpwinkel eine Bewerbung und schickt sie am 15.9.1859 nach Wernigerode.
Die Anstellung gelingt. Graf Otto vermerkt in seinem Tagebuch: ‘Einen schon während des Berliner Aufenthalts engagierten Privatsekretär Schöpwinkel (jetzt Kanzleirath in Wernigerode) brachte ich
ebenfalls mit; derselbe besorgte meine Correspondenz und verwaltete meine Chatoullekasse’. Und an anderer Stelle: ‘Außerdem aß noch regelmäßig der Cabinetssekretair Schöpwinkel mit mir, welchem ich,
nachdem der Kammerrath Boehs ausschließlich zur Kammer übergegangen war, die gesamten Cabinetsgeschäfte außer seinen bisherigen übertrug’. (Breitenborn, Die Lebenserinnerungen des Fürsten
Otto zu Stollberg-Wernigerode, Wernigerode Jüttner 1996, S. 49 und 55; Abbildung S.50 Nr. 25).
Das zeigt zwar nicht ganz den Werdegang der Bewerbung, aber umreißt die Bedeutung, die Albert Schöpwinkel beigemessen wird. Die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen zeigt sich später dann in
gegenseitigen Patenschaften bei Kammerrath Boehs Tochter und bei Bibliothekar Dr. Jacobs Sohn und dann bei den eigenen Kindern: Frau Kammerdirector Gottsched, Herr Kammerrath Boehs, Frau
Hofprediger Radecke, Frau Kammer-Assessor von Hoff, Hofcantor Spangenberg, Regierungsdirector von Hoff, Archivar Dr. Jacobs, Landschaftsmaler Crola, Frau Hofcantor Spangenberg, Frau Dr. Jacobs,
Fräulein Sophie Gottsched. Schöpwinkel selber schreibt: ‘Graf Otto stand abwechselnd in Potsdam und Berlin in Garnison. An letzterm
Ort war sein Aufenthalt, als ich mein neues Amt zunächst als Privatsecretair mit Aussicht demnächstiger Ernennung zum Cabinetssecretair antrat, am 6. Dezember 1859, nachdem ich zuvor vom 1. November ab zur Orientierung in den Geschäften im Gräfl. Cabinet zu Wernigerode mich beschäftigt hatte. Es konnte mir hier i.(m) C.(abinet) nicht entgehen, daß Graf Otto sich mit ganzer Liebe und Freudigkeit seinem interimistischen Beruf hingab, welche Vorliebe für das Waffenhandwerk ihm auch jetzt noch eigenthümlich
ist’.
In weiteren Aufzeichnungen werden die verschiedenen Reisen, der Erwerb des Offizier-Patents, aber auch der Ankauf von Bildern, die zunächst in Berlin und später in Schloß Wernigerode hingen, festgehalten. Da heißt es: ‘Ankauf von Bildern aus der Südernischen Galerie. Bei der öffentlichen Versteigerung der werthvollen Bildergalerie zu Södern (Hannover) im Auftrag seines Neffen von des Graf Botho, Erlaucht 8 Stück Ölbilder käuflich erworben; nämlich: Rembrandt, ein alter Krieger; Holbein Hans d. Jüngere, Bildniß
eines Mannes in schwarz. Wamms; desgl.: einer Frau in einem schwarzen durchwirkten Kleide; Salvator Rosa, lauernde Räuber; van Thulden, Antiochus und Stratonice mit dem Leibarzt des Königs; Spangoletto, Kopf eines jungen Kriegers im Brustharnisch; Ruysdael, Salomon, ein Dorfwirtshaus; Mucheron und Berghem, Landschaft bei Sonnenuntergang’. Angekauft wurden auch zwei Landschaften von dem Ilsenburger Landschaftsmaler Jabin: Blick vom Torfhaus nach dem Brocken, Blick über das Eckertal ins
Braunschweiger Land, welche ebenfalls aus Berlin nach Wernigerode kamen.
Es ist viel los, und er kommt kaum mit dem Aufzeichnen der Erinnerungen nach. Einschneidend war die Fahrt zum Begräbnis des Königs Wilhelm IV. im Januar 1861, nicht nur wegen der grimmigen Kälte. In dem Jahr gab es den Ankauf eines Gemäldes von G. Crola in Ilsenburg: Ölbild von Wernigerode, Blick von den Kalkhütten aus - als Geschenk für Gräfin Botho Erlaucht. Immer wieder werden so die unterschiedlichen Ereignisse festgehalten; die erste Reise nach Gedern ebenso wie die Teilnahme an den
Krönungsfeierlichkeiten in Königsberg.
Das Jahr 1862 begann mit einem besonderen Höhepunkt. Albert Schöpwinkel erhielt die Mitteilung, daß er Reisebegleiter für den Grafen und seine Mutter auf einer Reise in die Schweiz und nach dem Süden
Frankreichs sein sollte. „Mit umso größerer Freude begrüßte ich diesen Reiseplan, als ich bereits im Jahre 1856 die Gegenden zum größten Theil bereist hatte, die nun wieder aufgesucht werden und mir neue reiche
Genüsse bieten sollten.“ Im gleichen Jahr wurde er gemäß einer Ernennung gegeben zu Ilsenburg den 30. Oktober 1862 für
erwiesene Treue zum wirklichen Cabinet-Secretair mit allen Rechten und Vorzügen eines solchen berufen.
Von einer Privatreise nach England (Derdey S. 99) habe ich leider nichts gefunden, dagegen liegt mir das Consenspapier zur „Verheirathung“ mit Albertine Deußen vom 23. Dezember 1862 vor. Das ist der Beginn
eines glücklichen Lebensabschnitts für Albert und Albertine, die am 28. Mai 1863 durch Bruder Rudolph, der Pfarrer geworden war, in der Kirche zu Odenkirchen getraut wurden. Im Oktober 1864 wurde ihnen der
erste Sohn geboren, dem im Laufe der Jahre noch drei Brüder und als letzte eine Schwester folgten. Als Beamter mußte Albert Schöpwinkel für alles und jedes einen Antrag stellen, der seine Begründung brauchte - so sah und so sieht es teilweise das Beamtenrecht bis heute vor. Es müssen nicht immer die „pekuniäre“ Lage oder aber „bedrängende materielle Verhältnisse“ sein, die aus den Anträgen sprechen, wie Frau Derdey das gelesen hat. Der Dienstweg sah eben vor, Leistungen nur auf Antrag zu gewähren. Natürlich war die Tätigkeit als Zeichenlehrer am Gymnasium seit April 1866 ein erfreulicher Zuverdienst, aber eben auch der Deputats-Karpfen aus der gräflichen Teichwirtschaft mußte beantragt werden. Die jährliche Entlastung für die Kassenführung wurde mit Graf Ottos eigener Unterschrift erteilt. Wie Albert es selbst erlebt hatte, versuchte er für die Seinen zu sorgen und den Lebensweg zu ebnen. Die „Not“ kann nicht so groß gewesen sein, denn ein Sohn wurde Pfarrer, der andere Oberstabsarzt, der dritte Kaffeehändler in Bremen, der vierte Oberpostrat und die Tochter Narkoseschwester; alle wurden übrigens - bis auf die Tochter (Kirche St. Theobaldi zu Nöschenrode) - in der Schloßkirche getauft und später zumeist auch dort konfirmiert.
Albert Schöpwinkel wurde zum Geschworenen am Königlichen Kreisgericht in Halberstadt berufen und in diesem Amt immer wieder bestätigt. Trotz allem ließ ihn die Liebe zur Kinderheimat nicht loß, und es fiel ihm nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, als ihn der Königliche Landrat aus Mettmann 1867 zweimal zum Bürgermeister berufen lassen wollte. Erst sollte es in Neviges bei Wuppertal sein und dann in Haan. Er blieb Wernigerode treu, aber seine Kuren nahm er wohl nicht nur aus Kostengründen in der vertrauten rheinischen Gegend wahr; zumal gerade auch in Obercassel Verwandtschaft wohnte.
Immer wieder führten ihn Kurzurlaube zur Weiterbildung für seine Tätigkeit als Zeichenlehrer am Gräflichen Gymnasium nach Berlin. Der Bitte nach zahlenmäßiger Begrenzung der Schülerzahl wegen der Disziplin und wegen seiner Gehörbeeinträchtigung wurde aber nicht entsprochen.
Über sein künstlerisches Schaffen legte er ein Verzeichnis an, in dem Datum, Motiv und Besitzer aufgeführt sind, leider ist ein Teil der Eintragungen nicht mehr vorhanden (bis zum April 1909 sind es
immerhin 240). Die meisten seiner Bilder waren Geschenke oder Auftragsarbeiten. Ein Album mit Zeichnungen und Ölbilder von einer Reise nach Lugano 1875 und handschriftliche Erläuterungen dazu
machte er seiner zweiten Frau zum Weihnachtsgeschenk (jetzt in meinem Besitz).
Im Zusammenhang mit einer Neuordnung des bisherigen Kabinetts kam 1876 die Ernennung zum Kanzleirat. Im Handschreiben heißt es: „.... so finde ich mich bewogen; zum Zeichen meiner Anerkennung Ihrer seitherigen treuen Dienste und meiner fortdauernden Zufriedenheit Sie hierdurch zum Kanzleirath zu ernennen .... ich mache mir aber das Vergnügen Sie hiervon unmittelbar am heutigen Tag in Kenntnis zu setzen. Wernigerode den 30ten October 1876 Otto zu Stolberg.“ Offiziell erging dann die Verfügung durch
den Kammerdirektor von Hoff am 31. Oktober mit der Übermittlung der Ernennungsurkunde.
Ehrung und Anerkennung wurde ihm zuteil, indem Heinrich XIV. Fürst von Reuß Albert Schöpwinkel das Ehrenkreuz verlieh, wozu er außerdem das königliche Diplom bekam, oder aber auch die Privatbank zu Gotha dem Herrn Landschaftsmaler im Auftrage Geld des Kunstvereins Gotha überwiesen hat, und später dann das Kollegium des Gymnasium ihm eine Festschrift überreichte.
1879 wurde ein besonders schlimmes Jahr für Albert Schöpwinkel; die geliebte Frau, erst vierzig Jahre alt, starb im Oktober infolge von Gallensteinen, und der treue Bruder Rudolph dann ganz plötzlich mitten aus dem Schaffen und dem Pfarrdienst bald darauf im Dezember. Dort im Pfarrhaus in Burg an der Wupper die Witwe mit vier Kindern; er hier in Wernigerode mit fünf Kindern, der älteste gerade 15 Jahre alt. Das wurde sicherlich Grund für sein vorzeitiges Altern und die sich häufenden Krankheitsbeschwerden, auf jeden Fall war es ihm Anlass, auf dem Amtsgericht sein Testament zu hinterlegen. Ab 1881 wird ihm die Verantwortung über die an verschiedenen Orten zerstreut aufbewahrten herrschaftlichen Sammlungen, welche in der Lage (Lagerbuch) verzeichnet sind und welchen die noch in Gewahrsam der verwittweten Regierungsdirektor Sporleder befindlichen, testamentarisch Sr. Erlaucht vermachten Sammlungen des Regierungsdirektors a.d. Sporleder hinzutreten,..... zunächst werden Vorschläge über die angemessene Vereinigung der Sammlungen an geeigneten Orten zu machen und höhere Entscheidung darüber einzuholen sein' übertragen.
Zusätzliche Zeichenstunden werden 1881 vom Rektor des Gymnasiums beantragt. Er sagt zu, aber alles zehrt an seinen Kräften. Nach 24 Jahren gibt er die Kassenführung ab. „Mit Rücksicht auf veränderte
Verhältnisse bestimme Ich unter Anerkennung der musterhaften Art und Weise, in der Sie 24 Jahre hindurch Meine Chatoulle-Kasse verwaltet haben, daß dieselbe vom 1ten Juli d. J. ab auf den Hauptmann a.D. von Lemcke überzugehen hat, welchem Sie alle bezgl. Acten und Papiere behändigen wollen. Wernigerode den 6ten Juni 1883. Otto.“
Mit 59 Jahren heiratet er seine zweite Frau, die achtunddreißigjährige Ida Hempel, eine Pfarrerstochter aus Mecklenburg. Die Trauung fand durch den Schwager der Braut in Plauen im Vogtland statt. Zu den
Kindern erster Ehe bildet sich ein herzliches Verhältnis. Oft kehrten sie später in Obercassel bei den Eltern ein, wie aus den Aufzeichnungen meines Großvaters, Johannes Schöpwinkel, hervorgeht. Ab 1. Januar 1891 wurde er gnädigst vom „Bureau-Dienst bei der Fürstlichen Kammer entbunden“, und
ein Ruhegehalt gewährt. Der Gesundheitszustand hat sich weiter verschlechtert, aber er bleibt weiterhin verantwortlich für die gräflichen Sammlungen, darf die Dienstwohnung beibehalten und erhält das jährliche
Holzgeld.
Im Februar wird er wegen des plötzlichen Todes des Musiklehrers gebeten, Vertretungsstunden am Gymnasium zu übernehmen. Mit der Zusage bekommt er einen ziemlich gefüllten Stundenplan. Ein ärztliches Gutachten veranlaßt ihn 1894, um die Versetzung in den Ruhestand zu bitten. Kammer-Präsident Michaelis schreibt am 4. Juli 1894:“ ... benachrichtige Eure Wohlgeboren, daß des Fürsten Durchlaucht laut des anliegenden Dienstabschieds Ihrer Bitte entsprochen“.... hat. Er gibt dem Wunsch Ausdruck, daß die Entbindung von den Dienstgeschäften zur Genesung beitragen möge, um einen friedlichen Lebensabend genießen zu können. 1895 zieht er in sein Häuschen in Obercassel bei Bonn. Dort kehren die Kinder mit ihren Familien wie schon erwähnt so oft wie nur möglich ein.
Die 1893 aufgegebene Malerei - das Bild 127 „Mondscheinlandschaft auf Leinwand, Motiv Niederrhein“ ,ein Geschenk zur Silberhochzeit von Baurat Mehsow, ist das vorläufig letzte - setzte sich erst wieder nach fünf Jahren fort. Nummer 128 ein Ölbild „Vordermühle bei Steuer, Mecklbg." auf Leinwand hat den Zusatz: Erstes Bild nach jahrelanger Krankheit, Geschenk a.(n) m.(eine) l.(iebe) Id.(a) z.(um) Dank f.(ür) tr.(eue) Pflege, 1898.
Im gleichen Jahr erhält er ein Schreiben: „Ich übersende Herrn Kanzleirath Schöpwinkel die zum Andenken an meinen verewigten Vater weiland Seine Durchlaucht den Fürsten Otto geprägte Medaille. Wernigerode,
den 19ten November 1898. Christian Ernst Fürst zu Stolberg.“ Die Verbindung nach Wernigerode war nicht abgerissen, waren doch die Kinder zusammen groß geworden. (1921 schreibt unser Großvater z.B.:
‘Vom 4.-13. Oktbr. Verbrachte ich meinen Herbsturlaub in Wernigerode bei Bruder Paul ..... Zusammentreffen mit dem Fürsten Christ. Ernst’.
Noch fast zwölf Jahre malte Albert Schöpwinkel mit wieder gewonnener Schaffenskraft, manches ist allerdings nicht mehr ganz vollendet, so das letzte Bild „Mühle im Schwarzwald“ vom April 1909.
Im Erinnerungsbüchlein trägt seine zweite Frau ein: „Am 4. November 1910 entschlief nach langem schweren Leiden mein innigst geliebter Mann, Kanzleirat Albert Schöpwinkel im 81. Lebensjahr. Tief
gebeugt stehe ich vor seinem Grabe u. bitte Gott um Seinen lieben Trost u. Seine Hülfe.“
Mancher Hasseröder und mancher Wernigeröder erinnert sich vielleicht noch an den Arzt Paul Schöpwinkel in der Friedrichstraße oder an den alten Pfarrer Johannes Schöpwinkel in der Huberstraße oder den Oberpostrat Ernst Schöpwinkel am Teichdamm oder die Schwester Marie Schöpwinkel im Königsstift in der Sägemühlenstraße. Heute leben noch Namensträger als Urenkel in Gräfenhainichen und im Bergischen Land, aber auch als Urenkel in Wernigerode, in Dessau, in Österreich und bei Naumburg.
Viele Bilder aus der Familie sind wieder mit uns nach Wernigerode zurückgekehrt und werden nach und nach durch Herrn Peter Schultze, Galerie am ehemaligen Dullenturm - gereinigt und restauriert und
gerahmt. Auf dem Schloßfriedhof ist noch immer die Stelle unter der Traueresche hinter Eibenhecken, wo Albert Schöpwinkel seine liebe Frau Albertine schon so bald begraben mußte. Später - Anfang der fünfziger Jahre
- wurde dann seine Tochter Maria dort bestattet, und noch lange stand in unserer Kindheit das weiße Marmorkreuz dort. Vielleicht wird das einmal ein Ort, an dem man den verdienstvollen Maler Albert
Schöpwinkel ebenso ehrt wie auf dem Theobaldi-Friedhof die Maler der Künstlerkolonie Wernigerode.
Olaf Beer, Pfr.i.R., Wernigerode.
Neues über den Harzmaler Albert Schöpwinkel (1830 – 1910)
In früheren Ausgaben der NWZ hatte ich ausführlich über unseren Urgroßvater berichtet. Damals hatte ich die These von Frau Derdey bezweifelt, daß Albert Schöpwinkel jemals in England gewesen sei. Meine Nachforschungen in der Außenstelle des Staatsarchivs haben das bestätigt: Schöpwinkel wollte heiraten und brauchte dazu die Einwilligung des Grafen Otto. Das Konsensgespräch konnte erst nach Rückkehr des Grafen aus England und der Schweiz, wohin er mit seiner Mutter gereist war, erfolgen.
Andere Neuigkeiten fand unser Neffe Dr. Ralf Schöpwinkel (Ururenkel von Albert Schöpwinkel) im Internet, als er in seinem Fachgebiet surfte.
In dem Buch von Ludwig Gerhardt „Die Ornithologen Mitteleuropas“ - 1747 bemerkenswerte Biographien vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts - ; Zusammenfassung der Bände 1 – 4, im AULA-Verlag in der Reihe Klassiker der Tier- und Pflanzenkunde – ist auch Albert
Schöpwinkel zu finden. Da wird bestätigt, daß er „auf dem Gebiet der Malerei begabt“, „an der Düsseldorfer Akad. studierte“. „Er mußte aber die Künstlerlaufbahn nach einigen Semestern aufgeben, weil der Vater das Verm€gen verlor.“
„30 Jahre und mehr hatte der Naturfreund und Jäger die nähere und weitere Umgebung seines Wohnsitzes durchstreift, als er sich entschloß, „in knappen Mußestunden“ die „Vogelw. d. Grafschaft Wernigerode“ (Schr. 7 1892) niederzuschreiben, „weil bei unserer heutigen Jugend das
Interesse und das Wohlgefallen an der Natur und ihren Erscheinungen immer mehr im Schwinden begriffen ist“.“ Jagdgenossen und Forstbeamte untersttzten ihn. „Sch. selbst kam offenbar über die lückenhaften Kenntnisse eines musisch veranlagten Laien nicht hinaus. Seine Angaben sind z.T. ungenau oder unbestimmt; z.T. beruhen sie auf Irrtümern.“
Olaf Beer, Wernigerode |